Michael Schetsche

Wissenssoziologie sozialer Probleme.

Begründung einer relativistischen Problemtheorie.

Opladen: Westdeutscher Verlag 2000 (ca. 48 DM)
 

Leseprobe:

[ohne Fußnoten des Originaltextes]
 

Vorbemerkung: Wenn Welten zusammenstoßen

Dieses Buch zeigt, was geschieht, wenn zusammenkommt, was - auf den ersten Blick - nicht zusammengehört. Die Rede ist, der Buchtitel spricht dies aus, von der Soziologie sozialer Probleme auf der einen und der Wissenssoziologie auf der anderen Seite.

Wie wohl keine andere Teildisziplin symbolisierte die Soziologie sozialer Probleme lange Zeit gleichermaßen die 'Lebensnähe' wie das soziale Gewissen der universitären Sozialwissenschaften. Im Mittelpunkt ihrer theoretischen Überlegungen und empirischen Untersuchungen standen die vielfältigen sozialen Verwerfungen, von denen moderne Gesellschaften offenbar regelmäßig heimgesucht werden oder - dies ist eine andere beliebte Lesart - die sie permanent hervorbringen. Der Name, den diese Teildisziplin nach den von ihr untersuchten Bestandteilen der sozialen Welt bis heute trägt, macht dabei unzweifelhaft klar, daß es dieser Soziologie per definitionem stets nur um die negativen Seiten des Sozialen gehen konnte. Innerhalb ihrer Disziplin war sie entsprechend für Anomien und Anomalien zuständig, welche von den Bindestrichsoziologien, die sich um die wohlorganisierte Gesellschaft kümmerten, ausgeklammert wurden (oftmals wohl zwangsläufig, manchmal aber auch nur allzugern).

Typisch für diese Perspektive der Problemsoziologie waren in Deutschland - wo diese Theorietradition bis heute fortlebt - die Arbeiten von Hans Haferkamp. Als problematisch erschienen ihm all jene sozialen Phänomene, bei denen es für die Betroffenen um die "Differenzen von tot oder lebendig, krank oder gesund, hungrig oder satt, gefangen oder frei" ging (Haferkamp 1987: 126). Daß stets auch die Subjekte, welche die Leidtragenden der verschiedensten 'Störungen der sozialen Ordnung' waren, im wissenschaftlichen Fokus standen, machte gerade die humane Seite dieser Soziologie aus. Ihre - im kritischen Sinne - bevorzugten Subjekte waren die Verlierer der diversen 'gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse' (wie es heute durchaus auch euphemistisch heißt). Die Unmittelbarkeit des Zugangs zur erbärmlichen Seite der sozialen Tatsachen erklärt einen Großteil des politisch-moralischen Anspruchs (und des gelegentlichen Pathos), der lange Zeit selbstverständlich für die Problemsoziologie war.

Während die Soziologie sozialer Probleme gleichsam in die 'dunklen Winkel' der Gesellschaft hinabschaute, ging der Blick der Wissenssoziologie entsprechend in die 'lichten Höhen' der vom menschlichen Geist gewirkten Welten hinauf. Die Entwicklung dieser Teildisziplin kann aus dem Bestreben erklärt werden, die materiellen Determinanten kollektiven Wissens und Handelns theoretisch zu minimieren. Die ersten programmatischen Anläufe hierzu finden sich - wenn man einmal von den Vorüberlegungen bei Durkheim absieht - in den zwanziger Jahren bei Max Scheler und Karl Mannheim. In "Probleme einer Soziologie des Wissens" umriß Scheler (1926/1924) sein Verständnis der neuen Teildisziplin: Soziale Gruppen nehmen die Welt unterschiedlich wahr, bilden für sie typische Denkstile aus. Dabei stellen sozial-strukturelle Bedingungen (die "Realfaktoren") lediglich einen Rahmen bereit, in dem die Ideen und Werte sich als eigenständige soziale Entitäten Geltung verschaffen. Während es Scheler um die generellen Prozesse der Konstitution kollektiven Wissens ging, interessierten Mannheim (1925) - unter dem zum Verwechseln ähnlichen Titel "Das Problem einer Soziologie des Wissens" - die spezifischen Ideologien, die in konkreten gesellschaftlichen Situationen entstehen. In Absetzung von der marxistischen Denktradition entwickelte er einen Ideologiebegriff, in dem die Frage nach der 'Richtigkeit' von Ideen relativiert war. Dieser ermöglichte es, Wissen soziologisch zu analysieren, ohne es unmittelbar auf eine 'objektive materielle Wirklichkeit' rückbeziehen zu müssen. Dennoch beharrte er darauf, daß "das Verankertsein dieser geistigen Standorte und der verschiedenen 'Denkstile' in das dahinter stehende historisch-sozial determinierte Sein" (Mannheim 1925: 375) bei der soziologischen Analyse stets berücksichtigt werden müßte.

Vierzig Jahre später hatte die Wissenssoziologie nicht nur die Vorstellung einer dichotomen Trennung von Ideenwelt und Seinslage überwunden. Auch die Frage, wie sozial-strukturelle Faktoren das Denken und Handeln der Menschen 'hervorbringen', war nun endgültig in ihr Gegenteil verkehrt. Im Anschluß an die phänomenologische Soziologie von Alfred Schütz formulierten Peter L. Berger und Thomas Luckmann (1966) die bis heute aktuelle Leitfrage der nun selbstbewußt gewordenen Wissenssoziologie: "Wie ist es möglich, daß subjektiv gemeinter Sinn zu objektiver Faktizität wird?" (Berger/ Luckmann 1991: 20). Zu einer Zeit, in der materialistisches Denken die internationale Soziologie beherrschte (in den Verbeugungen vor dem Klassiker dieses Paradigmas wird dieser 'Zeitgeist' auch im Werk von Berger und Luckmann sichtbar), verwandelte ihre wissens-soziologische Theorie 'bloße Überbauphänomene' in die - im doppelten Sinne - gedachten Grundlagen der Gesellschaft. Die Autoren zeichneten das Bild einer Wirklichkeit, die primär symbolisch strukturiert ist und von den Subjekten durch ihr Deuten und Handeln alltäglich reproduziert wird.

Mit dieser mikrosoziologischen Fundierung - sie erfolgte gleichsam unter der Patenschaft des symbolischen Interaktionismus - wurde die Wissenssoziologie auch näher an die unmittelbare 'soziale Wirklichkeit' herangeführt. Wohl nicht zuletzt deshalb vergingen nur wenige Jahre, bis das neue, später 'Sozial-Konstruktivismus' genannte Paradigma die Soziologie sozialer Probleme erreichte. Als erster forderte Herbert Blumer (1971) eine theoretische Wende. Soziale Probleme sollten zukünftig nicht mehr als Diskrepanz zwischen objektiven, soziologisch eindeutig konstatierbaren Lebenslagen und der Wertordnung einer Gesellschaft beschrieben werden, sondern als Folge eines sozialen Definitionsprozesses, in dem allein sie "ihre Existenz, ihre 'Lebensgeschichte' und ihr Schicksal" (Blumer 1975: 112) haben. Die 'gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit' wurde zum problemsoziologischen Programm.

Eine solche Sichtweise mußte den Vertretern der klassischen Problemsoziologie, die sich in ihren empirischen Untersuchungen mit den verschiedensten Formen menschlichen Elends konfrontiert gesehen hatten, nicht nur als sozialpolitische, sondern auch als moralische Zumutung erscheinen. Und um wieviel mehr galt dies erst für die lebensweltlichen 'Nutznießer' der klassischen Problemsoziologie? Auf die Soziologie hatten sich bislang nicht nur die selbstdeklarierten Problemopfer verlassen können, sondern auch verschiedenste kollektive Akteure, die - gelegentlich oder regelmäßig - als Problematisierer auftraten. Die traditionelle Problemsoziologie lieferte ihnen nicht nur beständig neue Herausforderungen, sondern sie legitimierte auch gesellschaftlich den Verbrauch der zur Problembekämpfung jeweils erforderlichen Ressourcen. Aus Sicht beider Gruppen - der Betroffenen wie der Problematisierer - mußte die definitionstheoretische Erklärung sozialer Probleme geradezu als wissenschaftliche Verhöhnung der Problemopfer erscheinen. Konnte wirklich jemand behaupten, daß die ganze Not, die von Generationen von Soziologen untersucht und von Legionen von Sozialarbeitern bekämpft worden war, lediglich das Ergebnis gesellschaftlicher Definitions- und Zuschreibungsprozesse wäre? Spätestens mit der von John Kitsuse und Malcolm Spector (1973) formulierten radikaleren Variante dieser Problemsoziologie war klar: Man konnte, und man hatte.

In der Folgezeit setzte sich das neue Verständnis sozialer Probleme zunächst in den USA durch - sowohl in der Theoriebildung als auch in der empirischen Forschung. Seit Mitte der siebziger Jahre sind zahlreiche empirische Studien entstanden, in denen die unterschiedlichsten sozialen Probleme als Thematisierungsprozesse untersucht werden. Heute, am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, erscheinen soziale Probleme (zumindest im englischsprachigen Raum, in Deutschland ist die Situation weniger eindeutig) nicht mehr als außergewöhnliche Störungen der Sozialordnung, sondern als üblicher Kampf sozialer Gruppen um knappe gesellschaftliche Ressourcen und wohlfahrtsstaatliche Gratifikationen. Politisch ist damit gleichzeitig eine neue Strategi zur Abwehr der Ansprüche sich benachteiligt fühlender Gruppen (und ihrer Advokaten) formuliert. Ob eine solche De-legitimierung beabsichtigt oder nur nicht-intentionale Nebenfolge des Theoretisierens war und ist, soll hier jedoch nicht untersucht werden. Es sind jedoch nicht die politischen Konsequenzen, die mich interessieren, sondern die theoretischen Ursachen dieses schon häufig beschriebenen, meines Erachtens aber bislang nicht überzeugend erklärten Paradigmenwechsels in der Soziologie sozialer Probleme.

Die Konfrontation der beiden scheinbar so gegensätzlichen soziologischen Teildisziplinen in einer sozial-konstruktivistisch orientierten Problemtheorie kann als eine unter vielen theoretischen Verwerfungen verstanden werden, die aus dem Zusammenstoß von materialistischen und idealistischen Denkwelten resultieren. Der Paradigmenwechsel könnte in diesem Kontext - eher metaphysisch - als Folge eines zyklischen Prozesses erklärt werden, in dem auf den Idealismus des neunzehnten Jahrhunderts der Materialismus des zwanzigsten und auf diesen wiederum ein Anti-Materialismus des 21. Jahrhunderts folgt (in den Sozial- und Geisteswissenschaften scheinen solche Kondratieff-Zyklen zusätzlich von kurzzeitigen Wechseln in den theoretischen 'Vorlieben' überlagert). Metaphysisch ist eine solche Erklärung dann, wenn sie für den Umschlag im dominierenden Denken keinen anderen Grund anzugeben vermag als den, daß auf den Tag eben die Nacht folgt und umgekehrt. Aber selbst wenn man handfestere Gründe für einen solchen zyklischen Wandel anführen könnte, scheint mir zweifelhaft, daß er die theoretische Entwicklung der Problemsoziologie, um die es mir hier geht, zu erklären vermag.

Das vorliegende Buch hat nicht nur zum Ziel, das Programm der neueren Problemsoziologie explizit wissenssoziologisch fortzuschreiben, sondern es soll auch eine weniger metaphysische Erklärung dafür liefern, warum es im letzten Drittel dieses Jahrhunderts zur konstatierten Änderung beim dominierenden problemsoziologischen Paradigma gekommen ist. Hierzu bediene ich mich einer Metatheorie, die man als 'materialistischen Konstruktivismus' bezeichnen könnte. Die Simulakrentheorie des französischen Soziologen Jean Baudrillard behauptet, daß das Verhältnis zwischen symbolischen und materiel-len Bestandteilen der sozialen Wirklichkeit langfristigen Veränderungen unterliegt. Anders als in der klassischen materialistischen Theorie (die dies als 'Entwicklung der Produktivkräfte' beschrieb) ist es hier das Verhältnis zwischen 'Basis und Überbau' selbst, welches durch die technisch-sozialen Veränderungen - namentlich im Bereich der Kom-munikationstechniken - ins Wanken gerät und schließlich verkehrt wird. Aktuell können wir nach Baudrillard die Ablösung einer Ordnung der Produktion durch eine der Simu-lation beobachten, in welcher 'die Zeichen' die materielle Welt nicht mehr abbilden, sondern sie im Gegenteil hervorbringen. Die Rede ist von einer sozialen Wirklichkeit, in der das Symbolische übermächtig geworden ist - oder richtiger vielleicht: übermächtig sein wird. Der Unterschied zwischen dieser Vorstellung und dem klassischen idealistischen Denken besteht dabei darin, daß 'die Ideen' nicht immer schon 'die Geschichte' bestimmt haben, sondern daß sie gerade erst dabei sind, diese Rolle zu übernehmen.

In dieser Perspektive lösen sich die - in der bisherigen Theoriedebatte meist als unüberwindbar erachteten - Widersprüche zwischen 'der objektivistischen' und 'der konstruk-tionistischen' Problemsoziologie gleichsam auf, der beschriebene Paradigmenwechsel wird erklärbar: Zwei konkurrierende Sichtweisen sozialer Probleme (von denen immer nur eine als 'richtig' angenommen werden kann, während die andere mit dieser Entschei-dung automatisch als 'falsch' erscheint) verwandeln sich in historisch aufeinanderfolgende Beschreibungen der sozialen Wirklichkeit, die in ihrer jeweiligen Zeit prinzipiell als zutreffend angesehen werden können. Die konkurrierenden Schulen werden durch diese Betrachtung zwar nicht integriert, aber doch gleichsam miteinander versöhnt. Da die von Baudrillard beschriebenen Veränderungen primär kategorial bestimmt sind, geschieht dies jedoch um den Preis, zeitlich nicht genau abgrenzen zu können, bis wann die eine Ordnung gilt und ab wann eher die andere. Neben Probleme der Ordnung der Produktion treten aktuell jene der Ordnung der Simulation, ohne daß die einen phänomenologisch ohne weiteres von den anderen zu unterscheiden wären.

Durch diese Metatheorie wird das sozial-konstruktivistische Denken nicht nur in der Problemsoziologie historisch relativiert. Was Baudrillard beschreibt, ist gerade nicht eine soziale Wirklichkeit, die schon immer symbolisch 'konstruiert' worden ist. Die Gültigkeit sozial-konstruktivistischer Grundannahmen wird vielmehr auf die 'Epoche' beschränkt, die Baudrillard 'Ordnung der Simulation' nennt. Dies heißt zwar nicht, daß die symbol-gesteuerte Konstruktion von Wirklichkeit ausschließlich heute oder gar in der Zukunft gelingen würde, sondern nur, daß der von Berger und Luckmann postulierte Konstituti-onsprozeß erst jetzt zu dominieren beginnt.

Diese Überlegungen liefern den metatheoretischen Rahmen für ein problemsoziologisches Modell, das ich erstmals 1996 in meinem Buch "Die Karriere sozialer Probleme" skizziert hatte. Das dort postulierte Kokonmodell wird im vorliegenden Band theoretisch präzisiert, ohne daß dessen Programm für die empirische Analyse sozialer Probleme revidiert werden müßte. Prinzipiell ist es für soziale Probleme in der Ordnung der Produktion und in jener der Simulation anwendbar - auch wenn mit seiner Hilfe dabei jeweils unterschiedliche Prozesse rekonstruiert werden: einerseits die diskursive Verwandlung sozialer Sachverhalte in soziale Probleme und andererseits die symbolische Erzeugung solcher Sachverhalte durch gesellschaftliche Problemdiskurse. Das Buch von 1996 fokussiert den ersten, das hier vorgelegte hingegen den zweiten Prozeß. Als Konkretisierung einer neu formulierten wissenssoziologischen Rahmentheorie sozialer Probleme in der Ordnung der Simulation erhält das Programm schließlich auch einen neuen - an die traditionelle Begriffsbildung in der Problemsoziologie angepaßten - Namen: relativistische Problemtheorie. Diese erscheint nicht mehr, wie das Kokonmodell, als Versuch zur Integration der beiden Schulen, sondern erhebt den Anspruch, das Programm der konstruktionistischen Problemsoziologie konsequent wissenssoziologisch weiterzuführen.

Wenn die im vorliegenden Band formulierte relativistische Problemtheorie als Wissenssoziologie apostrophiert wird, ist dies nicht als bloße Verbeugung vor der soziologischen Tradition zu verstehen, welcher das sozial-konstruktivistische Denken entstammt. Hier ist vielmehr die Perspektive benannt, unter der soziale Probleme in der Ordnung der Simulation nach meiner Überzeugung analysiert werden müssen. Im Zentrum der empirischen Analysen stehen wissensbezogene Dimensionen, die bislang auch in konstruktionistischen Analysen häufig unbestimmt blieben: der Prozeß der Verbreitung des kollektiven Wissens über soziale Probleme und die Struktur, die dieses Problemwissen annehmen muß, um gesellschaftliche Wirklichkeit hervorbringen zu können.

Zunächst wird untersucht, wie Problemwissen gesellschaftlich verbreitet wird, auf welchen Wegen und in welchen Formen es die sozialen Gruppen erreicht, in deren Handlungspraxen - und von diesen geschaffenen Institutionen - es dann wirksam wird. Ausg´-hend von Gedanken der bis heute kaum weitergedachten Informationssoziologie werde ich die Verbreitung in Form von Konkurrenzprozessen analysieren, in denen Problemmuster sich gegen andere, alternative Deutungen durchzusetzen haben. Im Mittelpunkt meiner (durch theoretische Erwägungen und empirische Befunde aus verschiedenen wis-enschaftlichen Disziplinen angeleiteten) Überlegungen steht dabei die Frage nach den Selektionsmechanismen, die über den Erfolg oder Mißerfolg neuer Problemwahrneh-mungen entscheiden. Ich stelle sieben interne und externe Merkmale von Problemmustern vor, die dafür verantwortlich sind, ob die entsprechende Deutung eine gesellschaftliche Problemwahrnehmung erfolgreich zu konstituieren vermag oder nicht.

Durch die Analyse solcher Konfigurations- und Schnittstellenmerkmale wird der Erfolg früherer Problemmuster 'ex post facto' erklärt, die Durchsetzungschance aktueller Problemwahrnehmungen hingegen prognostiziert. Phänomenologisch beschrieben werden die Probleme durch die Rekonstruktion des kollektiven Problemwissens. Die relativistische Problemtheorie behauptet, daß dieses Wissen lebensweltlich in Form sogenannter Problemmuster verbreitet wird. Sie gehören zu einer Klasse kognitiv-emotiver Schemata, die in der deutschen Soziologie (und ihren achbardisziplinen) seit mehr als fünfundzwanzig Jahren als soziale Deutungsmuster untersucht werden. Eine genauere Be-trachtung zeigt jedoch, daß diese Schemataklasse bis heute theoretisch unterdeterminiert ist. Dies macht es nötig, das ursprünglich von Ulrich Oevermann (1973) postulierte Deutungsmusterkonzept zunächst als Theorie sozialer Deutungsmuster zu reformulieren. Erst im Rahmen einer solchen, im vorliegenden Band bloß skizzierten, allgemeinen Deutungsmustertheorie läßt sich die Struktur des Problemwissens genauer bestimmen. Danach sind Problemmuster lebensweltliche Schemata mit klar definierbaren Merkmalen und Eigenschaften; sie besitzen die Fähigkeit, bestehende soziale Sachverhalte durch diskursive Zuweisungen in soziale Probleme zu verwandeln, die dem einzelnen wie der Gesellschaft anschließend als soziale Realität erscheinen.
Dieses Verständnis der 'Funktion' von Problemmustern entspricht ganz der von Baudrillard beschriebenen Ordnung der Produktion, in der die materielle Welt von Symbolen abgebildet und ideell verwandelt wird. Im Übergang zur Ordnung der Simulation tritt noch die Fähigkeit dieser Symbolsysteme hinzu, die materielle Welt am Schnittpunkt von Theorien, Ideen und Deutungen selbst zu produzieren. Die Problemmuster verwandeln nun nicht mehr bloß Sachverhalte in soziale Probleme, sondern bringen - im Gegenteil - über die Problemwahrnehmungen diese Sachverhalte hervor. Zu den realen Problemen gesellen sich virtuelle, bei denen gesellschaftlich umstritten bleibt, ob ein vorgängiger 'Sachverhalt' existiert, von dem die Problematisierung ihren Ausgang hätte nehmen kön-nen.

Diese Möglichkeitsform markiert dabei die wohl folgenreichste Annahme der hier erstmals auf das Feld der sozialen Probleme angewandten Simulakrentheorie: In der Ord-nung der Simulation besteht weder für die lebensweltlichen Subjekte noch für die Soziologie die Möglichkeit, hinter den Wahrnehmungskokon zu blicken, den erfolgreiche Problemmuster produzieren. Die Frage, wie der soziale Sachverhalt beschaffen ist, der hier thematisiert wurde, ja, ob er - in einem traditionellen Verständnis - als Referenzobjekt überhaupt existiert, wird unbeantwortbar. Die relativistische Problemtheorie reagiert auf die epistemologischen Konsequenzen der Verkehrung des Verhältnisses zwischen materieller und symbolischer Welt mit dem Verzicht auf Aussagen über den ontologischen Status sozialer Sachverhalte. Entsprechend resultiert die analytische Unterscheidung zwischen realen und virtuellen Problemen gerade nicht daraus, daß erstere auf objektive soziale Sachverhalte zurückgingen, letztere jedoch nicht. Die Differenz bildet vielmehr den empirischen Befund ab, ob und in welchem Umfang in den gesellschaftlich prozessierten Deutungen Einvernehmen über solche Sachverhalte besteht. Die gesellschaftliche Wirk-lichkeit wird als eine primär symbolisch bestimmte beschrieben, die den Subjekten jedoch - seien die Probleme in dieser Weise mehr als reale oder eher als virtuelle zu kennzeichnen - in den verschiedensten Handlungspraxen auch als 'materielle Gewalt' gegenübertritt. Mit anderen Worten: Konsequenzen symbolischer Wirklichkeiten sind in der simulativen Ordnung keinesfalls immer nur symbolisch. Vielmehr generieren die Zeichen Tat-Sachen, die Baudrillard zu Recht 'hyperreal' nennt.

Je mehr die Analyse sozialer Probleme sich auf deren Verfaßtheit in der Ordnung der Simulation konzentriert, desto häufiger muß sie heute noch futurologisch argumentieren. In der vorliegenden Arbeit plädiere ich dabei für eine futurologische Phänomenologie jenseits eschatologischer und apokalyptischer Utopien. Wenn ich Baudrillard richtig interpretiere, befinden wir uns heute, kurz vor dem Beginn des 21. Jahrhunderts, in einer Phase, in der die Ordnung der Produktion die soziale Welt nicht mehr, jene der Simulation sie aber noch nicht vollständig (vor-)strukturiert. Für eine Entscheidung darüber, ob die Wirklichkeit inzwischen tatsächlich von simulativen Prozessen beherrscht wird, lassen sich zwar verschiedene Indizien, aber nur wenige auch theoretisch akzeptable 'Beweise' benennen. Die Unsicherheit ist dabei nicht nur einer fehlenden Schärfe des soziologischen Blicks, sondern auch der (von Habermas verkündeten) 'neuen Unübersichtlichkeit' des Sozialen selbst geschuldet. Deshalb behaupte ich auch nicht, daß die für die simulative Ordnung typischen Prozesse der symbolischen Problemkonstituierung erst am Ende des 20. Jahrhunderts zu beobachten wären oder daß erst von diesem Zeitpunkt an virtuelle Probleme auftreten könnten. Es geht mir vielmehr darum zu zeigen, daß die Entstehung sozialer Probleme zukünftig von symbolischen Faktoren und Prozessen dominiert werden wird, und daß die heute und zukünftig zu beobachtenden Problematisierungen deshalb immer weniger jenen ähneln (werden), die uns aus weiten Teilen des zwanzigsten Jahr-hunderts vertraut sind.

Wer als Wissenschaftler zukünftige Ereignisse und Entwicklungen anspricht, bewegt sich in einem Möglichkeitsraum, der sich zwar gelegentlich zu einem Wahrscheinlichkeitsraum verdichten mag, Gewißheit jedoch ausschließt. Darüber hinaus haben wir es beim Übergang von der Ordnung der Produktion zu jener der Simulation mit einem Prozeß zu tun, der nicht zuletzt auch das sozialwissenschaftliche Wissen (und seine epistemologischen Grundlagen) betrifft. An seinem Ende dürfte aus der Gewißheit des 'so und nicht anders ist es', ein 'so oder ähnlich können wir es verstehen' geworden sein. Das heißt: Die Soziologie selbst - und sie ist nicht die einzige - wird von einer Tatsachen- zur Möglichkeitswissenschaft, die vielfältige Wirklichkeiten beschreibt und ihre Theorien als Navigationshilfen für diejenigen bereitstellt, die diese möglichen Welten bereisen wollen oder müssen.

 
 


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Michael Schetsche: Wissenssoziologie sozialer Probleme (Leseprobe)

(Quelle: http://www-user.uni-bremen.de/~mschet/Welten.html -  18. 1. 2000)